Hilfstransport in die Ukraine
Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 21. Juli 2010 um 19:58 Uhr
Schultafeln landen vorerst im Hühnerstall
Germersheim: Männer und Lastwagen des Technischen Hilfswerks (THW) bringen ehrenamtlich für den Verein Vergiss-Mein-Nicht Hilfsgüter in die Ukraine - und erleben eine Irrfahrt der Bürokratie.
Vier Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks (THW) machten sich Ende Juni auf, Hilfsgüter in eine ukrainische Kindertagesstätte zu bringen. Die letztlich erfolgreiche Mission wurde durch viel ukrainische Bürokratie gestört. Die deutsche Bürokratie sorgt derweil dafür, dass diese Hilfstransporte möglicherweise bald nicht mehr stattfinden werden können.
„37 Unterschriften und Stempel braucht man, um als Hilfstransport über die ukrainische Grenze zu kommen", erzählt Christopher Keller vom THW Germersheim. „Im ersten Zimmer der Grenzstation will einer die Ausweise sehen, im nächsten soll man Anträge ausfüllen; dann wird der Lkw gewogen." Der 26-jährige Keller brachte gemeinsam mit drei Kollegen vom THW Kleidung, Spielsachen, Schultafeln und Stühle nach Ivanichi, einer kleinen ukrainischen Stadt nahe der polnischen Grenze. „Es begann damit, dass der Verein Vergiss-Mein-Nicht aus Darmstadt uns um Hilfe bat", erzählt der junge Mann. Der für ukrainische Kinder und Jugendliche engagierte Verein wollte Hilfsgüter in seine Kindertagesstätte „Nezabudka" in Ivanichi bringen. „Eine Spedition wäre zu teuer", sagt Keller. „Mit uns hat das den Verein nur den Sprit gekostet."
Den Transport übernahmen neben Keller und seinem Germersheimer Kollegen Henry Kaupa, Mike Ernst vom THW Bühl sowie Bernd Zeh vom THW Waghäusel mit zwei Lkw und jeweils einem Anhänger. „Um 6 Uhr morgens, nach fast sieben Stunden Stempel sammeln, ging es an der Grenze weiter", erzählt Christopher Keller. Schnell erreichten sie die grenznahe Stadt, waren aber auch dort vor der Bürokratie nicht gefeit. Weil zwei Fernseher, die nicht als Hilfgüter gelten, bei der Ladung waren, mussten die Lastwagen die Nacht auf dem Zollhof verbringen. Erst am Morgen konnten die THWler sie holen und bei der Kindertagesstätte ausladen - in Anwesenheit eines Zöllners versteht sich, der jedes Hilfsgut, das den Lastwagen verließ, akribisch notierte.
„Da gab es wieder Theater, weil wir zwölf Schultafeln statt zehn dabei hatten. Der Zöllner hatte deswegen alle unsere Papiere mitgenommen", so Keller. Erst nach Einschalten der deutschen Botschaft und mit viel Hilfe der Leiterin der Kindertagesstätte konnten die vier am nächsten Morgen abreisen. „Die Hilfsgüter wurden übrigens nicht in die Tagesstätte gebracht, sondern erst in einem Hühnerstall gelagert und von dem Beamten verplombt", erzählt der junge Mann. „Kann gut sein, dass sie da noch immer drin sind."
Mit THW-Hilfstransporten wie dem nach Ivanichi könnte es schon bald vorbei sein. „Eigentlich arbeitet das THW sehr unkompliziert", sagt Keller. „Wenn wir in Hamburg anrufen und sagen, wir brauchen morgen in Germersheim einen Radlader, dann ist der auch da." In letzter Zeit wird es jedoch schwieriger, dass das THW Autos für Auslandstransporte frei gibt. „Es dauert ewig bis man eine Genehmigung bekommt", erzählt Keller. „Es müssen Versicherungen abgeschlossen werden, der Landesverband und der Bund müssen unterschreiben." Aber auch wenn sie um jede Genehmigung betteln müssen, Christopher Keller und Kollegen geben nicht auf: „Wir werden es immer weiter versuchen." (magi)
Text aus der Rheinpfalz
Verlag: DIE RHEINPFALZ
Publikation: Pfälzer Tageblatt - Ausgabe Rheinschiene
Ausgabe: Nr.166
Datum: Mittwoch, den 21. Juli 2010
Seite: Nr.21



